Nicht Gäste, sondern Hausherren

Als die ersten türkischen Gastarbeiter nach dem Anwerbe-Abkommen 1964 nach Österreich kamen, hatten alle Beteiligten zunächst angenommen, dass es sich um eine befristete Zusammenarbeit für einen beschränkten Zeitraum handelt. Aus diesem Grund haben die politischen Verantwortlichen es wohl auch verabsäumt, entsprechende integrative Maßnahmen zu setzen und diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Auf Seiten der Gastarbeiter sah man größtenteils auch keine Notwendigkeit, sich über das Maß des Notwendigen hinaus einzubringen, da man eben „nur“ zu Gast nach Österreich gekommen war – und Gäste gehen bekanntlich irgendwann wieder nach Hause. Heute wissen wir, dass das ein großer Irrtum auf beiden Seiten gewesen ist und dass diese Menschen in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten faktisch ein Teil von Österreich geworden sind. Sie haben fleißig gearbeitet, Steuern bezahlt, Familien sowie Unternehmungen gegründet und haben hier Wurzeln geschlagen, auch wenn es anfangs nicht so geplant gewesen war.

Geprägt war diese Zeit von einer allgemein vorherrschenden Gäste-Mentalität innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe. Man war nämlich nie „richtig“ angekommen, man wurde sozial sowie kulturell nicht als fester Bestandteil dieser Gesellschaft angesehen und selbst hat man das wahrscheinlich auch nicht so wahrgenommen. Zudem führten mitunter soziale, sprachliche und strukturelle Barrieren dazu, dass man sich zu einem gewissen Teil abschottete und die meiste Zeit im Kreis der Landsleute verbrachte. Dieses andauernde Selbstverständnis als Gäste führte darüber hinaus zu einem erheblichen Mangel an Selbstbewusstsein bei diesen Menschen und in weiterer Folge verständlicherweise in einem bestimmten Ausmaß auch bei ihren Kindern.

Mittlerweile sind 55 Jahre vergangen und diese Familien sind zwischenzeitlich in der zweiten, dritten oder gar in der vierten Generation in Österreich angelangt – viele sind Staatsbürgerinnen und Staatsbürger geworden. Es ist also längst der Zeitpunkt gekommen, diese Gastarbeiter-Mentalität abzulegen und sich wie Hausherrinnen und Hausherren zu verhalten. Ich bin mir natürlich dessen bewusst, dass es politische Kräfte in diesem Land gibt, die so etwas nicht gern hören und sehen. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen aus dieser Generation sich der Rechte und Pflichten, die mit der Hausherren-Eigenschaft einhergehen, annehmen. Mit diesem Selbstverständnis sind nämlich gewisse Rechte, aber auch Pflichten, verknüpft. Unabhängig ob Mann oder Frau, als „Hausherr“ ist es erforderlich, sich verantwortlich für diese Republik zu fühlen, mitzugestalten, sich mit Österreich zu identifizieren und dafür zu sorgen, dass es lebenswert und sicher in unserem Land bleibt. Im Gegenzug ist es notwendig, gesellschaftlich als wertvoller und fester Bestandteil Österreichs angesehen zu werden, seine Rechte und Freiheiten ausleben zu können und falls nötig auch mal auf den sprichwörtlichen „Tisch zu hauen“. Was wir Als Gesamtgesellschaft benötigen, ist eben dieser Kulturwandel im Fremd- und Selbstverständnis dieser Leute. Eine neue Generation von jungen selbstbewussten Menschen, deren Wurzeln vielleicht nicht in Österreich liegen, aber die voll und ganz, mit all ihren Unterschieden, in Österreich angekommen sind und einen wertvollen Beitrag für unser Land leisten.

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